
Das Kollegium des Hohenzollern-Gymnasium im Jahr 1975. Foto: Festschrift zur Einweihung des Hohenzollern-Gymnasiums 1975.
Die sogenannte „Bildungsexpansion“ der 1960er Jahre führte am Sigmaringer Gymnasium zu einer Art „Bildungsexplosion“, da das Interesse am Gymnasium rasant stieg. Außerdem gab es aufgrund der geburtenstarken Jahrgänge viele Kinder. Innerhalb von nur fünf Jahren führte dies in den 1970ern fast zur Verdoppelung der Schülerzahlen am Sigmaringer Gymnasium auf etwa 1000 Schüler/innen. Letztlich konnte nur ein Neubau die Raumprobleme lösen. Bürgermeister Rudolf Kuhn bezeichnete die neue Schule als „Ort der Superlative“: Der größte, modernste und mit etwa 15 Millionen D-Mark der teuerste Schulneubau, den die Stadt Sigmaringen jemals zu stemmen hatte.
Vor dem Bau waren politische Schlachten zu schlagen. Das Land Baden-Württemberg wollte die Schulträgerschaft gerne an die Kommune abtreten. Die Stadt Sigmaringen erklärte sich dazu bereit, wenn in das alte Gymnasium die Theodor-Heuß-Realschule einziehen konnte. Am 07.10.1970 stimmte der Sigmaringer Gemeinderat sowohl der zukünftigen Übernahme der Schulträgerschaft und dem Neubau zu. Es folgte eine hitzige Diskussion um den Standort: In der Au oder auf dem Sandbühl. Ausschlaggebend bei der knappen Entscheidung war die Idee der Bildung eines Schulzentrums auf dem Sandbühl mit verschiedenen Schularten. Den Architekturwettbewerb konnten die Architekten Gässler und Böhmer aus Sigmaringen für sich entscheiden. Mit Gemeinderatsbeschluss vom 15.12.1971 wurde der Neubau in die Wege geleitet. Baubeginn war im Juni 1973, die Fertigstellung im Juli 1975. Moderne Naturwissenschaften, ein Sprachlabor, eine Sternwarte, eine multifunktionale Sporthalle, helle offene Klassenzimmer sowie eine zentrale Aula mit Theaterausstattung kennzeichneten das Gebäude, das trotz seiner Größe übersichtlich wirkt. Mit dem Einzug ins neue Gebäude ging das letzte staatliche Gymnasium in Baden-Württemberg in kommunale Trägerschaft über und die Schule erhielt den Namen „Hohenzollern-Gymnasium“.
Im Nachgang der 1968er änderte sich auch die Bereitschaft zu Protest und Diskussion innerhalb der Schule. Es ist ein Zeichen von innerer Größe, dass Schulleiter Rainer Salzmann eine neue Diskussionskultur etablierte und so an der Schule eine offene Atmosphäre schuf, auch wenn dabei bisweilen radikale Positionen artikuliert wurden. Dies erleichterte es der Schulgemeinschaft, sich neu zu erfinden und neue Formen des Miteinanders zu finden. Eindeutige Gewinner der Bildungsexplosion waren die Mädchen, die Jahr für Jahr mehr Anteile eroberten. Und stetig entwickelte sich das Schulprofil weiter. 1980 existierte noch das klassische altsprachliche Profil mit Latein und Griechisch, doch moderne Fremdsprachen und Naturwissenschaften bekamen zunehmend Gewicht. Langfristig konnte sich Altgriechisch nicht gegen Französisch behaupten. Mit der Pensionierung des letzten Griechisch-Lehrers im Jahr 2009 ist Griechisch „ausgestorben“. Beim Schulleiterwechsel 1996 wurde in der Zeitung ausdrücklich betont, dass mit Heribert Thiel (Mathematik/Physik) erstmals ein Nicht-Lateiner die Leitung der Schule übernahm. Es klingt paradox, aber durch die Einführung eines naturwissenschaftlichen Profils im Jahr 1999 gelang es Thiel, das Fach Latein wieder attraktiver zu machen und durch das sogenannte „Biberacher Modell“ zu stabilisieren. Besonders wichtig für die Schule wurde 1976 die Einrichtung eines Musikprofils unter Direktor Salzmann. Damit gehört das HZG zum Kreis weniger Schulen in Baden-Württemberg, die Musik als Sonderprofil anbieten. Bis heute nimmt die Musik im Alltagsleben der Schule eine herausragende Rolle ein. Im Kulturleben der Stadt Sigmaringen hat sich das HZG einen Namen gemacht. Mehr als die Hälfte aller Schüler sind in einem musikalischen Ensemble der Schule (Chor oder Orchester) aktiv und prägen das Schulleben nachhaltig. Seit vielen Jahrzehnten prägt auch die Theater-AG mit sehr erfolgreichen Aufführungen das schulische Leben.
Die Diskussion um die Einführung des achtjährigen Gymnasiums verlief in Sigmaringen sehr kontrovers, brachte aber der Schule positive Anstöße und die nötigen Anpassungen wurden unter Schulleiter Thiel beherzt in Angriff genommen. Das Hohenzollern-Gymnasium war die erste Schule in Sigmaringen, die eine Mensa hatte. Eine Schülerbibliothek wurde eingerichtet, die Ausstattung mit Computern war zum damaligen Zeitpunkt vorbildhaft. Die ganze Schule wurde behindertengerecht ausgestattet. Auch die Außenanlagen wurden mit Kletterwand, Spielgeräten und „Klassenzimmer im Freien“ umgestaltet. G8 bedeutete aber auch, dass ein Schuljahr wegfiel und die Schülerzahl dadurch geringer wurde, gleichzeitig sanken die Kinderzahlen in Sigmaringen.
Im naturwissenschaftlichen Bereich verfügt die Schule seit 2001 über ein mikrobiologisches Labor. Sie übernimmt damit die Rolle eines naturwissenschaftlichen Kompetenzzentrums, das von vielen Schulen in der Region genutzt wird. 2004 wurde das Fach „Naturwissenschaft und Technik“ (NWT) eingeführt.
2006 kam mit Marlis Schmitt-Sickinger die erste Frau im Amt der Schulleiterin. Unter ihrer Leitung wurde der Ganztagsbereich gezielt ausgebaut. Auch wurde das Fach Spanisch eingeführt und es werden seit 2009 am Hohenzollern-Gymnasium Referendare ausgebildet. Mit dem Schulleiterwechsel 2016 startete offiziell die energetische Sanierung des Schulhauses. Der Umbau bot die einmalige Gelegenheit, die Schule für die pädagogischen Herausforderungen der kommenden Jahre stark zu machen. Die völlige Neugestaltung der naturwissenschaftlichen Räume ermöglicht ein praxisorientiertes Unterrichten. Eine Herausforderung ist die zunehmende Heterogenität der Schülerinnen und Schüler. Durch Einrichtung multifunktionaler Lernbereiche („MufuLe“) bei gleichzeitigem Umstieg auf das Fachbereichsprinzip (anstelle des Klassenzimmerprinzips), verbindet die Schule alte gymnasiale Traditionen mit neuen Ideen. Die Digitalisierung wurde vorangetrieben und bekam durch die Corona-Krise einen massiven Schub. Während der Corona-Krise war zum ersten Mal nach 1918 und 1945 die Schule für mehrere Monate geschlossen und es fand „Fernunterricht“ über Videokonferenzen statt. Aus diesen Erfahrungen heraus entwickelte die Schule das Projekt „iPad“ für die Kursstufe und erweitere die digitale Ausstattung in allen Bereichen. Im Moment ist die Schule im Planungsprozess für die Rückkehr zum Neunjährigen Gymnasium, das im kommenden Schuljahr startet und bewegt sich in Richtung „Agiles Selbstmanagement“. Eine große Rolle spielt auch die Auseinandersetzung mit der Künstlichen Intelligenz. Der Rückblick zeigt: Bei aller Kontinuität erfindet sich das Gymnasium stets neu. Das Ziel war und bleibt die bestmögliche Ausbildung und Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf das Leben. Darin liegt die Stärke der Schule. Wir haben gerade erst angefangen….
